Schutz öffentlicher Gebäude: Rechte Security mit Staatsaufträgen


„Was macht ein Neonazi vor einer sächsischen Polizeistation? Arbeiten.“ Mit einem solchen schlechten Witz könnte diese Geschichte beginnen – wenn er nur nicht so nahe an der Realität wäre. 

Gemeinsam mit MDR Investigativ haben wir monatelang zu Rechtsextremen bei Sicherheitsdiensten recherchiert. Und dazu, welche staatlichen Aufträge diese Firmen bekommen. Dazu waren wir auch undercover in der Branche unterwegs. Das erschreckende Ergebnis: eine sächsische Sicherheitsfirma mit engen Verbindungen zu Neonazis hat den Auftrag, Polizeistationen zu bewachen – in einigen Fällen sind ihre Mitarbeiter*innen sogar mit Schusswaffen ausgerüstet. Wichtige Kontrollmechanismen der Behörden funktionieren offenbar nicht.

Schon 2018 gab es Vorwürfe gegen die Firma

Die Distelkam Dienstleistungsgruppe sitzt in Chemnitz und zählt zu den großen Sicherheitsfirmen Sachsens – auch dank öffentlicher Aufträge. Rund 60 Millionen Euro hat die Firma in den vergangenen zehn Jahren mit der Bewachung von Museen, öffentlichen Baustellen, Geflüchtetenunterkünften oder Polizeistationen verdient. Das zeigt eine Auswertung der EU-Datenbank für öffentliche Ausschreibungen.

Über den Chef Kai Distelkam gab es bereits vor mehreren Jahren Berichterstattung, weil er mit rechten Posts auf Facebook auffiel und zugleich mit seiner Firma für den Schutz von Geflüchteten verantwortlich war. Distelkam gefielen Seiten wie „Chemnitz, Sachsen, Deutschland gegen Scheinasylanten“ oder die Organisation „Ein Prozent für unser Land“, heute „Ein Prozent“ und vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft. Einen Tagesschau-Artikel über eine Schlägerei in einer Erstaufnahmeeinrichtung repostete er mit den Worten „Ist doch alles nicht so schlimm. Immer weiter rein.“ 2018 löschte er sein Profil. Zur selben Zeit stand seine Firma in der Kritik, weil Wachleute in Cottbus Asylsuchende nicht geschützt haben sollen, als diese von rechten Angreifern verfolgt wurden. Distelkam versetzte damals die betreffenden Mitarbeiter und gab sich weltoffen: „Sollten wir bei Mitarbeitern feststellen, dass diese eine radikale Einstellung haben, trennen wir uns von diesen“, sagte er damals dem Tagesspiegel. Diskriminierung lehne die Firma ab, man beschäftige viele Mitarbeiter*innen mit Migrationshintergrund.

Nun können wir mithilfe eines Undercover-Recherche belegen: Bei Distelkam arbeitet ein vorbestrafter Neonazi, der bis heute in der rechtsextremen Szene aktiv ist – in einer Führungsposition. Als wir uns undercover für einen Job bei Distelkam bewarben, führte dieser Mann das Bewerbungsgespräch. Den Undercover-Einsatz hat MDR Investigativ koordiniert. 

Der Mitarbeiter heißt David H. Er steht nicht selbst vor Polizeistationen. Aber er erklärte im Undercover-Gespräch, dass er in der Lage sei, Bewerber*innen einen bewaffneten Job vor einer Polizeistation zu vermitteln. 

Zudem ist H. offenbar ein enger Freund und Vertrauter von Firmenchef Kai Distelkam. So schilderte David H. es selbst in dem Gespräch, das wir verdeckt mit ihm geführt haben. „Wir sind Jugendfreunde“, sagte er über Distelkam. Gemeinsam hätten sie in den Neunziger Jahren “bei Null angefangen“ und begonnen, als Türsteher zu arbeiten. Seit 15 Jahren sei H. bei Distelkam angestellt. Ermittlungsakten, die wir einsehen konnten, belegen die enge Verbindung zwischen den beiden Männern. In einem Chat, den die Polizei ausgewertet hat, bedankt sich David H. bei für die Unterstützung bei einem Ermittlungsverfahren gegen ihn beim Firmenchef. Kai Distelkam antwortete: „Ich bin immer für dich da.“

David H. ist seit Jahrzehnten in der extrem rechten Szene aktiv – offenbar parallel zu seiner Tätigkeit bei der Firma Distelkam. Er kommt aus der gewaltbereiten neonazistischen Hooligan-Szene in Chemnitz. Laut einem Insider nahm H. bei der Hooligan-Gruppierung „HooNaRa“, kurz für „Hooligans, Nazis, Rassisten“, eine führende Position ein. „HooNaRa“ gilt als besonders gewaltbereit, seit 2007 soll die Gruppe offiziell aufgelöst sein. David H. zeigte sich zudem bei bekannten rechtsextremen Kampfsportevents am Ring und nimmt bis heute an Neonazi-Aufmärschen teil. 2017 wurde er wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt, 2019 wegen einer weiteren Körperverletzung zu zehn Monaten Gefängnis. 

Fotos aus dem Februar 2025 zeigen H. bei einem Aufmarsch von rund 2000 Rechtsextremen in Dresden, darunter militante Neonazis, Funktionäre der ehemaligen NPD, inzwischen „Die Heimat“, und Anhänger der neonazistischen Partei „Der Dritte Weg“. Er hat mehrfach am SS-verherrlichenden Marsch „Tag der Ehre“ in Budapest teilgenommen. Auch 2025 steht sein Name auf einer Teilnehmerliste. Der Tag der Ehre gilt als wichtiges Vernetzungstreffen für Rechtsextreme aus ganz Europa. 

Wie kommt eine Firma wie Distelkam mit so klaren Verbindungen in die rechtsextreme Szene an sensible staatliche Aufträge? Um das zu verstehen, haben wir gemeinsam mit dem MDR nicht nur undercover recherchiert, sondern auch Ermittlungsakten und öffentliche Ausschreibungen ausgewertet, Dutzende Presseanfragen gestellt, Bewachungsverträge mit dem Informationsfreiheitsgesetz befreit und Politiker*innen konfrontiert. 

Das Ergebnis: Behörden lagern immer mehr Bewachungsaufträge an private Sicherheitsdienste aus, die früher noch durch eigene Beamte übernommen wurden. Und weil wichtige Kontrollmechanismen versagen, profitieren auch Firmen mit klaren Verbindungen in die extrem rechte Szene von diesen öffentlichen Aufträgen. Die zuständigen Behörden scheinen diese Verbindungen bislang kaum zu stören. Weder David H. noch Kai Distelkam oder die Distelkam Dienstleistungsgruppe haben sich zu den Vorwürfen geäußert.

Der Staat schafft selbst die Nachfrage

Die Security-Branche boomt seit Jahren, auch dank staatlicher Aufträge. Auch heikle Bewachungsaufgaben, bei denen Sicherheitsleute mit Schusswaffen ausgerüstet sind, werden an private Firmen vergeben. Wir haben rund 30 Behörden in allen Bundesländern per Informationsfreiheitsgesetz gefragt, wie oft sie private Sicherheitsfirmen für genau solch heikle Aufgaben engagiert haben. 

Das Ergebnis: In neun Bundesländern haben Behörden keine Aufträge an private Sicherheitsdienste vergeben, bei denen diese mit Schusswaffen ausgestattet sind. Doch in den fünf Ländern Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Brandenburg und Thüringen werden öffentliche Gebäude von privaten Sicherheitsdiensten mit Schusswaffen bewacht. In allen Fällen handelt es sich um Polizeistationen. Bayern und Sachsen-Anhalt wollten uns dazu keine Auskunft geben. 

Der Umfang dieser Aufträge hat sich in den vergangenen fünf Jahren deutlich erhöht, von sechs Millionen auf 9,8 Millionen Euro. Bei der Bundespolizei ist der Trend sogar noch klarer. Vor zehn Jahren hat die Bundespolizei knapp acht Millionen Euro an private Sicherheitsdienste zur Bewachung von Polizeidienststellen in ganz Deutschland gegeben. Im Jahr 2024 war es mehr als doppelt so viel: knapp 19 Millionen Euro. 

Patrick Martin, Polizist und Pressesprecher der Landespolizeidirektion Thüringen hat dafür eine einfache Erklärung: Kosten sparen. „Wenn ich dort einen reinen Polizeivollzugsbeamten hinsetze, der lediglich die Aufgabe hat, das Objekt zu bewachen, dann ist das natürlich kostenmäßig heutzutage nicht mehr darstellbar“, sagt er. Das Personal sei knapp und bestimmte Dinge, wie die reine Bewachung eines Gebäudes, könnten auch andere Menschen übernehmen. 

Security – Lieblingsjob von Rechtsextremen

Jobs bei Sicherheitsfirmen sind in der extrem rechten Szene beliebt. Immer wieder gibt es Meldungen über Vorfälle. In Cottbus etwa spricht der Verfassungsschutz von einem „toxischen Gebilde“ aus Neonazi-Kampfsportlern, gewaltbereiten Hooligans und der Sicherheitsbranche. In Dresden bewachte ein NPD-Politiker 2022 Objekte von Verfassungsschutz und LKA. Aktuelle Zahlen, die wir bei allen Innenministerien der Länder zusammengetragen haben, geben einen Einblick in das Ausmaß. 

Behörden prüfen Wachleute, die bei Sicherheitsfirmen arbeiten, auf ihre Zuverlässigkeit. Seit 2019 werden alle Wachpersonen in ein zentrales Register eingetragen, das sogenannte Bewacherregister. Bei besonders sensiblen Aufträgen werden die Verfassungsschutzämter hinzugezogen. Seitdem hat der Verfassungsschutz in mindestens 480 Fällen Verdachtsmeldungen aufgrund eines rechtsextremen oder Reichsbürger-Hintergrunds der Sicherheitsleute an die zuständigen Behörden weitergegeben. Besonders häufig war das in Sachsen der Fall: 211 mal. Doch wie groß das Problem bundesweit ist, lässt sich nur vermuten. Nur sechs Bundesländer haben uns aktuelle Zahlen geschickt, in sechs weiteren Bundesländern sind die Zahlen veraltet. Aus Bayern, Berlin, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein liegen gar keine Zahlen vor.

Bewerber*innen können bei verfassungsfeindlichen Bestrebungen und bei bestimmten Straftaten unter Umständen von der Arbeit als Sicherheitspersonal ausgeschlossen werden – so sieht es die Gewerbeordnung vor. David H. wurde 2017 wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt, 2019 wegen einer weiteren Körperverletzung zu zehn Monaten Haft. Innerhalb der fünf Jahre nach seinen Verurteilungen hätte es zumindest Ansatzpunkte dafür gegeben, ihm die Bewachungstätigkeit zu untersagen. Doch laut eigenen Angaben im Undercover-Gespräch arbeitete er auch im Anschluss für die Firma Distelkam. Wie kann das sein?

Für die Überprüfung von David H. ist das Ordnungsamt in Chemnitz zuständig. Doch die Stadt Chemnitz will uns auch nach mehrfacher Anfrage keine Auskunft zu David H. geben und beruft sich auf den Datenschutz. Auch allgemeine Fragen dazu, wie oft die Behörde potentielles Sicherheitspersonal überprüft und wie häufig es schon Menschen von der Arbeit in der Sicherheitsbranche ausgeschlossen hat, beantwortet die Stadt Chemnitz nicht. Eine Auskunft sei systembedingt nicht möglich. So ist für die Öffentlichkeit nicht nachvollziehbar, ob die Behörde korrekt arbeitet und die Gesetze zur Überprüfung von Wachpersonen funktionieren. Hat das Amt den bekannten Neonazi David H. überprüft? Mit welchem Ergebnis? Die Antworten auf diese Fragen bleiben im Dunkeln.

Also fragen wir dort nach, wo David H. für die Bewachung zuständig ist. Denn auch wenn der Neonazi nicht selbst vor einer Polizeistation steht, bewacht er dennoch das Gelände eines Unternehmens, das zu 100 Prozent in öffentlicher Hand liegt: die Wismut GmbH. Laut eigenen Angaben verantwortet David H. als Objektleiter die Bewachung einer ehemaligen Uran-Mine in Ronneburg in Thüringen.

Das Unternehmen bestätigt, dass David H. als Schichtführer in Ronneburg eingetragen sei. Er müsse in dieser Position aber nicht ins Bewacherregister eingetragen werden, argumentiert die Firma. Doch mehrere Expert*innen, darunter die Industrie- und Handelskammern in Leipzig und Chemnitz, die für die Ausbildung von Wachpersonal zuständig sind, widersprechen: Auch ein Schichtführer, sagen sie, müsse wie alle Personen, die Bewachungsaufgaben übernehmen, auf Zuverlässigkeit überprüft werden.

Ein Problem damit, dass ein verurteilter Neonazi die Bewachung ihres Geländes organisiert, scheint die Wismut GmbH nicht zu haben. Bislang seien keine Auffälligkeiten zu H. bekannt geworden, schreibt das Unternehmen. Die Frage, welchen Einfluss unsere Recherchen auf den Bewachungsauftrag in Ronneburg habe, beantwortet das Bundesunternehmen nicht. Auch das Bundeswirtschaftsministerium, das die Aufsicht über die Wismut GmbH hat, schweigt dazu und verweist auf die Antwort der Wismut.

Doch die Firma Distelkam bewacht nicht nur das Gelände in Ronneburg, sondern auch Polizeistationen in Thüringen und Sachsen. In der Landespolizeidirektion gibt der Polizist Patrick Martin zu: Die Thüringer Polizei kennt die Berichterstattung rund um die Firma Distelkam. Sie wisse sogar, dass David H. für Distelkam arbeitet. Aber man könne das nicht verhindern, solange er nicht persönlich vor den eigenen Polizeistationen stehe. Hinzu kommt: Vertragspartner für die Bewachungsaufträge von Polizeistationen ist nicht die Polizei selbst. Man sei nur der Endnutzer des Gebäudes und habe dementsprechend keine Mitsprache bei der Entscheidung über einen Sicherheitsdienst, betont daher Polizeisprecher Martin: „Letztlich wird die Entscheidung dort getroffen, wo der Vertrag geschlossen wird.“ 

Das günstigste Angebot gewinnt

In Thüringen ist das Landesamt für Bau und Verkehr (TLBV) für die Vergabe von Bewachungsaufträgen für Polizeistationen zuständig. Die Behörde schickt auf unsere Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz sechs Verträge mit der Firma Distelkam für Polizeistationen in Erfurt, Gera, Jena, Suhl und Saalfeld, die wir hier veröffentlichen. Vier der Polizeistationen werden mit Schusswaffen bewacht.

Die Vergabe der Aufträge sei korrekt verlaufen, sagt das TLBV. Es gebe gesetzliche Anforderungen an Sicherheitsunternehmen und deren Mitarbeiter*innen. Sofern diese erfüllt seien, sei man angehalten, Geld zu sparen. „Der Zuschlag wird an das Unternehmen erteilt, welches das wirtschaftlichste Angebot abgibt“, erklärt ein Behördensprecher.

Ähnlich ist das in Sachsen. Der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement, der Distelkam Aufträge für die Bewachung von Polizeistationen in Sachsen gegeben hat, schreibt: „Die politische Gesinnung darf aus rechtlichen Gründen kein vergaberechtlicher Ausschlussgrund sein.“

Was aber ist, wenn das Wachpersonal verfassungsfeindlich und potentiell gewaltbereit ist? Katharina König-Preuß ist Landtagsabgeordnete für die Partei Die Linke in Thüringen. Sie kennt das Problem rechter Sicherheitsdienste und ist genervt von der Vergabepraxis in Thüringen. „Ich bin der Überzeugung, dass es immer eine Frage des Willens ist“, sagt sie. Man müsse Ausschreibungsunterlagen so anpassen, dass Firmen mit klaren Bezügen zum Rechtsextremismus keine öffentlichen Aufträge bekommen. Wiederholt habe sie auf die Verbindungen von Distelkam und anderen Firmen hingewiesen – bislang gab es keine Konsequenzen. Auch nicht, als zwischen 2021 und 2024 mit Susanna Karawanskij eine Parteikollegin von König-Preuß Infrastrukturministerin in Thüringen war – und damit zuständig für den Abschluss der Bewachungsaufträge. 

Heute ist Steffen Schütz vom BSW Infrastrukturminister. In einer Fragestunde im Parlament spricht König-Preuß den Minister auf unsere Recherche an. „Ich habe da eine sehr klare, eine sehr dezidierte Haltung“, antwortet Schütz. „Demokratiefeinde dürfen an dieser Stelle selbstverständlich nicht tätig sein.“ Die schriftliche Antwort des Ministeriums eine Woche später klingt jedoch weniger entschlossen. Beim Verfassungsschutz in Thüringen und Sachsen lägen keine Informationen über die Distelkam Dienstleistungsgruppe vor. „Zweifel an der Verfassungstreue, die sich allein aus journalistischen oder zivilgesellschaftlichen Recherchen ergeben, sind rechtlich in der Regel kein unmittelbarer Ausschlussgrund im Vergabeverfahren oder für eine Vertragskündigung“, schreibt ein Ministeriumssprecher. 

Immerhin: Minister Schütz hat weitere Untersuchungen angeordnet. Im Gegensatz dazu soll es weder in Sachsen noch beim Bundesunternehmen Wismut GmbH Konsequenzen geben. Und auch nicht in Bayern, wo die Firma Distelkam einen besonders lukrativen Auftrag hat. Der Regierungsbezirk Mittelfranken zahlt dem Security-Unternehmen mit den rechten Verbindungen 17,8 Millionen Euro für die Bewachung eines sogenannten Ankerzentrums. Dort ist die Firma Distelkam verantwortlich für die Sicherheit von bis zu 1600 Geflüchteten. 

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