Weiterbildungen sollen Chancen eröffnen. Doch Daten und Insider*innenberichte zeigen: Vieles ist Zufall und manches Manipulation. Ein Blick in ein kaum kontrolliertes Milliardensystem.
Die wichtigsten Punkte in Kürze
- Menschen landen in qualitativ völlig unterschiedlichen Weiterbildungskursen, obwohl alle Anbieter die gleiche Zertifizierung haben.
- Zertifizierungsstellen prüfen vor allem Papiere, nicht den Unterricht.
- Große Bildungsträger manipulieren laut Insider*innenberichten die Plattform „mein Now”. Ein Datensatz unterstreicht diesen Vorwurf.
- Schlechte Arbeitsbedingungen für Dozierende drücken die Qualität zusätzlich.
Als Paul* und Viola* Ende 2024 arbeitslos werden, haben sie das gleiche Ziel: Sie wollen eine spezielle Weiterbildung im Projektmanagement absolvieren, um in einer anderen Branche Fuß zu fassen. Beide bekommen einen Bildungsgutschein dafür und buchen jeweils einen Kurs, der sie auf dieselbe Zertifikatsprüfung vorbereiten soll.
Doch Paul und Viola erzählen, dass sie vollkommen unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Sie landen in Kursen, die zwar auf dieselbe Prüfung vorbereiten sollen, aber qualitativ kaum vergleichbar sind. Während Paul begeistert ist, sagt Viola: „Ich war nicht in der Erwachsenenbildung, sondern in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.“ Beide können das beurteilen, denn sie haben Pädagogik mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung studiert.
Dies ist der zweite Teil unserer Serie „Jobcenter-Stories“. Im ersten Teil haben Teilnehmende von ihren negativen Erfahrungen mit Weiterbildungskursen berichtet. Danach meldeten sich Dutzende Personen aus der Weiterbildungsbranche selbst: Dozierende, Leiter*innen von Bildungsträgern und Prüfende, sogenannte Auditor*innen. Wir haben zahlreiche Hinweise bekommen, Unterlagen geprüft und mit vierzehn Personen, die sich unabhängig voneinander bei uns gemeldet haben, ausführlich gesprochen. Viele bestätigten die Eindrücke der Betroffenen aus Teil 1. Zudem wurde uns ein Datensatz der von der Agentur für Arbeit betriebenen Plattform „mein Now“ zugespielt, den wir ausgewertet haben. Die Gespräche, Dokumente und Daten geben tiefere Einblicke in ein System, das mit Milliarden an Steuergeldern Weiterbildungen finanziert, aber die Qualität kaum kontrolliert. Wer Pech hat, landet in einem Kurs, der nur auf dem Papier etwas taugt.
Hinweis: In diesem Text geht es nicht nur um das Jobcenter und Menschen, die Bürgergeld bekommen. Auch die Arbeitsagentur vergibt Bildungsgutscheine für Weiterbildungen, Umschulungen und Coachings. Sie ist für Menschen zuständig, die Arbeitslosengeld beziehen. Arbeitslosengeld bekommt, wer in den vergangenen 30 Monaten für 12 Monate angestellt war und damit in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat. Bürgergeldbeziehende und Arbeitslosengeldbeziehende sitzen jedoch in denselben Kursen – und treffen dort auf dieselben Probleme.
Weiterbildung als Glückssache
Nachdem Pauls Bildungsgutschein bewilligt wurde, sucht der 37-Jährige auf der Online-Plattform „mein Now“ von Jobcentern und Arbeitsagentur nach einem passenden Anbieter. Er liest Kursbeschreibungen, vergleicht und klickt sich durch das umfangreiche Angebot. Auf Seite acht fällt ihm ein Kurs auf, dessen Beschreibung nicht nach einem Textbaustein klingt. Er entscheidet sich für diesen Kurs, seine Dozentin wird Mira. Sie hatte in Teil 1 der Jobcenter-Stories bereits von ihrer früheren Arbeit bei einem großen Bildungsträger erzählt.
Paul beschreibt die sechs Wochen bei ihr als „wirklich gut“. Die Gruppe sei klein gewesen, die Übungen und Praxisanteile klar und durchdacht. Später besucht er weitere Kurse bei Mira.
Wenige Wochen nach Paul verliert seine Partnerin Viola ihren Job. Die 29-Jährige will aus dem Personalbereich raus und sich wie Paul im Projektmanagement weiterbilden. Doch ihre Sachbearbeiterin habe sie in ihrer Auswahl eingeschränkt: Der Anbieter müsse einen Schulungsraum in ihrer Region haben. Dass der Kurs ohnehin online stattfindet, habe keine Rolle gespielt.
Viola sucht auch auf der Plattform „mein Now“. Sie entscheidet sich für den Kurs eines großen Anbieters, der in den Suchergebnissen ganz oben gelistet ist. Was sie erlebt, frustriert sie sehr – vor allem, weil sie Pauls positive Erfahrung kennt. Die Dozierenden hätten ständig grundlos gewechselt. Sie habe keine Lernmaterialien bekommen, die Übungen seien nicht sinnvoll gewesen. Die Gruppe sei mit 26 Personen viel zu groß gewesen. Ein Trainer habe sich jungen Frauen gegenüber abwertend verhalten, Beschwerden darüber seien versandet. Nach acht Wochen hatte Viola das Gefühl, die Zeit nur abgesessen zu haben. Den Kurs erwähne sie ihn ihrem Lebenslauf. Den Anbieter anzuführen, traue sie sich allerdings nicht.
Eigentlich dürfte es solche Unterschiede nicht geben. Alle Kurse und Anbieter auf „mein Now” sind zertifiziert. Doch das scheint keine Garantie dafür zu sein, dass ein Kurs auch wirklich gut ist. Das zeigt unsere Recherche.
Die privatwirtschaftliche Prüfmaschine
Die Zertifizierung übernehmen keine Behörden, sondern privatwirtschaftliche Unternehmen, sogenannte fachkundige Stellen. Beauftragt werden sie von den Bildungsträgern. So heißen die Unternehmen, die Weiterbildungen, Umschulungen oder Coachings anbieten und dafür Bildungsgutscheine von Jobcentern und Arbeitsagenturen abrechnen.
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Wer Weiterbildungen anbieten will, muss sowohl das Unternehmen als auch die einzelnen Kurse zertifizieren lassen. Alleine die Zertifizierung als Bildungsträger kann mehrere tausend Euro kosten. Zusätzlich müssen die Träger freiberufliche Auditor*innen bezahlen, die vor Ort den Betrieb und den Kurs prüfen und anschließend einen Bericht für die fachkundige Stelle schreiben.
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Dario* ist einer dieser Auditor*innen und zugleich selbst Leiter eines Bildungsträgers. In der Branche ist diese Doppelrolle nicht ungewöhnlich, erzählt er. Als Auditor fährt er zu Bildungsträgern, prüft ihre Unterlagen und protokolliert das Ergebnis. „Wir prüfen allerdings nur Papiere, nicht den Unterricht selbst“, sagt er. Stundenpläne, Konzepte, Mietverträge, Nachweise über die Qualifikation der Dozierenden. Entscheidend sei, dass die Dokumente vollständig sind, nicht ob der Unterricht in der Praxis funktioniert.
Die Prüfungen werden angekündigt, alle Beteiligten wissen, wann sie sich auf Kontrollen einstellen müssen. „Als Auditor lernt man, ein Haifisch zu sein, dem die Zähne geschliffen wurden“, sagt Dario. Wer locker prüft, werde wieder gebucht. Wer streng prüft, verliere hingegen Aufträge. „Das Zertifizierungssystem verspricht Kontrolle. In Wahrheit schafft es aber Anreize, um wegzuschauen,“ sagt Dario.
Die privaten Zertifizierungsstellen sind ein Produkt der Hartz-Reformen Anfang der 2000er Jahre. Bis dahin prüften die Arbeitsämter selbst die Bildungsträger. Doch das galt als intransparent und korruptionsanfällig. So wurde die Zertifizierung an die Privatwirtschaft ausgelagert. Wettbewerb und klare Vorgaben sollten zu mehr Qualität führen. Doch heute zeigt sich, dass genau das oft nicht passiert.
Monopolisierung per Plattform
In unseren Gesprächen mit Teilnehmenden und Dozierenden fallen immer wieder dieselben Namen, wenn es um schlechte Erfahrungen geht: eine Handvoll großer, bundesweit aktiver Bildungsträger. Auf der Plattform „mein Now“ stehen jedoch genau diese Anbieter meist ganz oben in den Suchergebnissen, unabhängig vom Kursthema. Ein möglicher Grund: technische Manipulation.
Insider*innen berichteten uns, dass sich die Suchlogik des Portals leicht ausnutzen lasse. Je mehr Schlagworte im Beschreibungstext stehen, desto höher werde der Kurs gelistet. Die Anbieter würden auch mehr Termine und Standorte eintragen, um so präsenter angezeigt zu werden. Insbesondere große Träger würden gezielt damit arbeiten, erzählen mehrere Personen, die selbst im Weiterbildungssystem arbeiten. Die Unternehmen würden Kurse in mehrere Module zerlegen, um mehr Einträge zu erzeugen, zusätzliche Profile mit minimal abgewandelten Namen registrieren und Scheinstandorte angeben.
Die Bundesagentur für Arbeit räumt auf unsere Anfrage ein, es sei bekannt, dass Bildungsanbieter ihre Angebote durch Angabe von verschiedenen Standorten und Unterrichtsformen vervielfältigen, um besser gelistet zu werden. Zugleich erklären sie, es gebe Vorgaben und Maßnahmen, um Missbrauch zu verhindern, alle Anbieter gleich zu behandeln und Übersichtlichkeit zu wahren. Die Ergebnislisten von „mein Now“ würden „randomisiert“ also zufällig, ausgegeben. Grundlage dafür sei eine Volltextsuche, die Treffer entsprechend der Suchanfrage sortiert. Details zum Algorithmus wollte die Behörde nicht nennen. Wir bleiben dennoch dran und haken weiter nach. Die Anzahl der Accounts habe keinen Einfluss auf das Ranking. Identische Angebote mit einem oder mehreren Accounts zu veröffentlichen, sei unzulässig. Einträge, die dagegen verstoßen, würden gelöscht .
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Die Kleinen werden unsichtbar
Doch ein Datensatz der Plattform „mein Now“, der uns zugespielt wurde, untermauert die Vorwürfe. Er enthält Trägerprofile, Standorte und Beschreibungstexte der Kurse. In den vergangenen Wochen haben wir diesen Datensatz stichprobenartig ausgewertet. Aktuell können wir den Datensatz allerdings noch nicht veröffentlichen. Einige große Anbieter, die meist oben im Ranking auftauchen, verfügen über drei, vier oder mehr Profile, obwohl sie derselben rechtlichen Entität zuzurechnen sind, etwa weil es Tochterfirmen desselben Unternehmens sind. In den Kursbeschreibungen fällt zudem auf, dass bestimmte Schlagworte überdurchschnittlich oft verwendet werden. Laut Nutzungsrichtlinien ist das gezielte Wiederholen solcher Keywords jedoch unzulässig. Dass Bildungsträger sich nicht an diese Regel halten, ist der Arbeitsagentur ebenfalls bekannt. Das räumt sie auf unsere Anfrage ein. Man habe sämtliche Bildungsanbieter nachdrücklich darauf hingewiesen und aufgefordert, ihre Angebote zu korrigieren und die Mehrfachnennung zu unterlassen.
Die Daten zeigen auch, einige der angegebenen Standorte wirken zweifelhaft. So werden teilweise acht oder mehr Träger an einem Ort gelistet. Das wäre zulässig, allerdings muss laut Nutzungsrichtlinien pro Standort, den ein Träger angibt, auch eine Person vor Ort sein, selbst wenn der Kurs online stattfindet. Bei einigen Standorten, der von uns geprüften Standorte, scheint das unglaubwürdig. Mehrere Anbieter haben als Sitz eine Adresse in Coworking-Räumlichkeiten.
Die Bundesagentur für Arbeit schreibt uns dazu, sie habe in den vergangenen zwei Jahren je knapp 1.000 Standorte von Anbietern überprüft, knapp zwei Drittel davon gab es eine Vor-Ort-Prüfung. Dass ein Bildungsträger in einem Coworking-Space sitzt, sei zulässig, sofern der Anbieter zertifiziert sei und die Räume dauerhaft und nicht nur flexibel angemietet werden. Zu mehreren konkreten Hinweisen aus unserer Datenauswertung teilt uns die Bundesagentur mit, sie werde diese überprüfen.
Dieses System nützt offenbar den Großen in der Branche. Wer Ressourcen hat, viele Einträge erzeugt und viele Standorte angibt, kann anscheinend die ersten Seiten der Suchergebnisse dominieren. Die anderen Anbieter rutschen nach hinten. Wahrscheinlich fand Paul deshalb seinen Kurs bei Mira erst auf Seite acht. Mira hat nach den schlechten Erfahrungen bei großen Bildungsträgern selbst einen Träger gegründet. Sie wollte es besser machen. Wenige Teilnehmende, klare Inhalte, keine Massenware. Doch genau dieser Ansatz macht sie im System unsichtbar. Ihre Kurse würden auf „mein Now“ automatisch nach hinten rutschen, sagt sie. Immer weniger Menschen würden sich anmelden. Mira musste bereits Mitarbeitende entlassen. „Wir wollen gute Weiterbildungen machen“, sagt sie. „Aber das System belohnt nicht Qualität, sondern Masse.“
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Das Ende der Nahrungskette
Doch nicht nur kleine Träger stehen unter Druck – auch die Dozierenden selbst. Von ihnen und ihren Arbeitsbedingungen hängt die Qualität der Kurse maßgeblich ab. Die Dozierenden großer Bildungsträger, mit denen wir gesprochen haben, berichten von Honoraren zwischen 20 und 45 Euro brutto pro Unterrichtseinheit. Die Anzahl der Stunden pro Monat variiere, je nachdem, wie oft sie von einem Bildungsträger gebucht werden. Sie arbeiten meist freiberuflich. Vorbereitungszeit werde nur selten bezahlt.
„Wir sind das Ende der Nahrungskette“, sagt Milan*, der Jahrzehnte als Dozent gearbeitet hat. Es gehe den Bildungsträgern nicht um Qualität, sondern darum, den niedrigsten Preis anzubieten, um die begehrten Ausschreibungen zu gewinnen. „Beim Personal wird als erstes gespart“, erzählt der 57-Jährige.
Andere Dozierende schildern ähnliches. Pauline* hat Angst vor Scheinselbständigkeit, weil sie immer zu festen Zeiten für denselben Bildungsträger arbeite. „Als Dozentin ist man machtlos.“, sagt sie. „Wenn ich mit Steuergeld finanziert arbeite, dann erwarte ich, dass diese Institutionen Arbeitsrecht auch wirklich leben.“ Farah* hat Verträge vorgelegt bekommen, dass sie vollständig hafte, wenn die Arbeitsagentur oder das Jobcenter an der Dokumentation etwas zu beanstanden haben. „Wir Coaches arbeiten auf eigenes Risiko“, sagt Farah. „Und bekommen unter Umständen kein Geld.“ Sie hat Verträge vorgelegt bekommen, dass sie vollständig hafte, wenn die Arbeitsagentur oder das Jobcenter mit den Unterlagen, in denen sie den Kurs dokumentiert, etwas zu beanstanden haben. Thomas* hat Maschinenbau studiert und sein halbes Leben in der Metall-Branche gearbeitet. Dann wurde er Dozent. Allerdings mit vielen Hürden, da die Arbeitserfahrung allein nicht ausreiche. Die würde ihn allerdings von einigen Kolleg*innen unterscheiden. „Ich habe sowohl beim Jobcenter und Arbeitsamt wie auch den Bildungsträgern, Menschen kennengelernt, die einen wirklich guten Job machen“, sagt Thomas. „Das Problem liegt ein paar Ebenen höher. Denn dort geht es nicht um die Menschen, sondern um die Zahlen.“
Diese Arbeitsbedingungen haben direkte Auswirkungen auf die Qualität. Wer schlecht bezahlt wird, wenig Vorbereitungszeit bekommt und ständig unter Druck steht, kann selten guten Unterricht leisten. Und wer es trotzdem versucht, brennt aus. So bleibt es für Teilnehmende wie Paul und Viola Zufall, ob sie in einen guten oder schlechten Kurs geraten.
* Die Namen der Personen haben wir zu ihrem Schutz geändert.
→ Hier geht es zu Teil 1 der Jobcenter-Stories
Das ist Teil 2 unserer Jobcenter-Serie. Du hast auch eine Jobcenter-Story zu erzählen? Melde Dich!
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