Das Wichtigste in Kürze
- Viele Gemeinden in Brandenburg haben Anspruch auf Gelder von benachbarten Windparks.
- Doch oft kommt dieses Geld nicht oder nur in begrenztem Umfang bei den Bürgern an.
- Deshalb starten wir eine Community-Aktion: Mit unserem Windgeldscheck können Sie mit wenigen Klicks einen Antrag bei einer von 414 Communities stellen.
Die Gemeinde Mühlenfließ in Brandenburg hat in den letzten Jahren ihr Gemeindezentrum renoviert, einen Spielplatz erneuert, Bäume gepflanzt und einen Löschteich für die Feuerwehr angelegt – alles dank der 53 Windräder, die auf den umliegenden Feldern Strom produzieren. Allein im Jahr 2024 sammelte die Gemeinde 250.000 Euro und gehört damit zu den Spitzenreitern in Brandenburg. Laut Gesetz müssen die Betreiber von Windkraftanlagen in Brandenburg ihre Einnahmen mit den Kommunen teilen.
Mühlenfließ-Bürgermeister Jens Hinze ist zufrieden. „„Die Windabgabe trägt wirklich zur Akzeptanz vor Ort bei“, sagt er. Die Stimmung in den zum Mühlenfließ gehörenden Dörfern hat sich seit Einführung der Abgabe im Jahr 2019 verbessert und das Verhältnis zu den Windkraftanlagenbetreibern ist gut. „„Wir kommen zusammen und nutzen die Einnahmen, um Projekte zu ermöglichen, die unsere Gemeinde voranbringen“, sagt er. Über einen Teil des Geldes können die einzelnen Stadtteile von Mühlenfließ autonom entscheiden. Bürgermeister Hinze hält alle auf dem Laufenden, wofür das Geld verwendet wird.
Der Ausbau der Windenergie in Deutschland steht nicht nur vor technischen und politischen Hürden, sondern auch vor einer zentralen gesellschaftlichen Frage: Wie kann Akzeptanz vor Ort geschaffen werden? Die Energiewende läuft in Mühlenfließ gut, weil die Menschen wissen, dass sie von den Windrädern profitieren.
Aber Mühlenfließ ist eine Ausnahme. Nach unseren Recherchen zahlen nicht alle Netzbetreiber in Brandenburg die Umlage. Und selbst wenn Geld fließt, wissen die Bürger in Brandenburg oft nicht, was mit den Einnahmen ihrer Gemeinde passiert.
Wir wollen für Klarheit sorgen: Transparenz ist der erste Schritt zur Veränderung. Mit dem Windgeld-Check Brandenburg wollen wir erfassen, wie viel Geld in den Gemeinden ankommt. Nur so können wir sichtbar machen, wie viele Millionen Bürgerinnen und Bürger zu kurz kommen – und die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung damit konfrontieren. Gleichzeitig erhöhen wir den Druck auf Windkraftanlagenbetreiber, die sich der Pflichtabgabe entziehen.
Laut Gesetz erhalten Gemeinden Geld für jede Windkraftanlage
Grundlage der Erfolgsgeschichte von Mühlenfließer sind Gesetze, die vorschreiben, dass Betreiber von Windkraftanlagen und Freiflächensolaranlagen Steuern an benachbarte Dörfer und Städte zahlen müssen. Seit 2019 haben umliegende Gemeinden Anspruch auf 10.000 Euro pro Jahr für eine neue Windkraftanlage. Mittlerweile gibt es auch eine freiwillige Regelung, § 6 Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), durch die Gemeinden zusätzliches Geld erhalten können.
Nach Schätzungen der Wind- und Solaragentur könnten durch diesen Paragrafen jährlich mehr als 230 Millionen Euro an die Einwohner in Deutschland verteilt werden. Hinzu kommen 381 Millionen Euro, die für frühere Jahre rückwirkend abgerechnet werden könnten. Doch in der Praxis sind bisher nur Bruchteile des Geldes eingegangen. Im Jahr 2023 verzeichneten die Netzbetreiber lediglich 1,3 Millionen Euro, im Jahr 2024 waren es 11 Millionen Euro.
In Brandenburg könnten die Zahlungen aus Landes- und Bundesrecht in vielen Kommunen, die der Energiewende bislang skeptisch gegenüberstehen, eine Wende herbeiführen. So betont beispielsweise eine Studie des Umweltbundesamtes zur sozial gerechten Umwelt- und Klimapolitik die Bedeutung von Partizipation und sozialem Ausgleich bei Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen. Laut der Empfehlung der Studie sollte soziale Umweltpolitik: „größtmöglichen gesellschaftlichen Nutzen erschließen, Kosten und Lasten gerecht verteilen, strukturelle Ursachen eines hohen Ressourcenverbrauchs angehen und allen Bevölkerungsgruppen eine aktive Teilhabe ermöglichen.“
Kein Überblick, keine Kontrolle
Doch unsere Anfragen in Brandenburg zeigen: Leider scheinen die Behörden bei der Umsetzung der Windenergiegesetze zu schlafen. Weder die Landesregierung noch das Statistikamt können sagen, wie viel Geld tatsächlich vor Ort ankommt. Das Landesgesetz sieht bei Verstößen Strafen von bis zu 100.000 Euro vor. Das zuständige Ministerium für Wirtschaft, Energie und Klimaschutz hat seit 2019 noch keine Bußgelder verhängt. Kontrollen habe es nicht gegeben, sagt ein Sprecher. Maßnahmen würden nur ergriffen, wenn Gemeinden Probleme meldeten.
Wir haben alle Gemeinden in Brandenburg nach ihren bisherigen Einnahmen aus Windkraftanlagen befragt. Doch nicht einmal die Hälfte reagierte vollständig – und das, obwohl die Verwaltungen laut Pressegesetz eigentlich zur Auskunft verpflichtet sind.
Dennoch drängt sich ein erster Verdacht auf: Die Gesamteinnahmen der Kommunen, die auf die Anfrage geantwortet haben, sind zu niedrig. Es fehlen Hunderttausende Euro, die eigentlich bis Ende April 2025 hätten gezahlt werden sollen. Hochgerechnet auf ganz Brandenburg würde das einen Schaden in Millionenhöhe bedeuten. Manchmal sind es nur 20 Prozent des Geldes, die nicht ankommen. Manchmal haben Betreiber nicht mehr als die Hälfte bezahlt. In einem Amt fehlen drei Viertel des Einkommens, das der Gemeinde eigentlich zusteht.
Handelt es sich nur um Einzelfälle oder funktioniert das Windfreigabesystem durchweg so schlecht? Um diese Frage zu beantworten, brauchen wir Sie. Mit Anfragen nach dem Umweltinformationsgesetz möchten wir erstmals alle Daten aus Brandenburg freigeben und herausfinden, wofür Kommunen das Geld ausgeben. Zu diesem Zweck haben wir die Aktion Windgeld-Check Brandenburg gestartet.
Wut statt Akzeptanz?
Studien zeigen: Auch wenn sich die Anwohner immer wieder gegen neue Windkraftanlagen aussprechen, ist die Zustimmung zur Windkraft und damit auch zur Energiewende insgesamt hoch. Eine repräsentative Umfrage der Agentur für Windenergie an Land im Jahr 2023 ergab, dass über 80 Prozent der Befragten die Nutzung und den Ausbau der Windenergie als wichtig oder sehr wichtig einschätzen. Diese positive Einstellung gilt auch, wenn Windkraftanlagen in der Nähe sind. Laut einer Studie der Forschungsgruppe REXKLIMA der Technischen Universität Dresden aus dem Jahr 2024 befürworten 69 Prozent der westdeutschen Bevölkerung und gut 54 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung den Ausbau – obwohl im Osten rund ein Fünftel unentschlossen war und nur 24,9 Prozent den Ausbau der Windenergie negativ bewerteten.
Überforderung freiwilliger Strukturen
Das Dorf Lietzen in Ostbrandenburg liegt rund 140 Kilometer von Mühlenfließ entfernt. Auch hier gibt es Dutzende Windkraftanlagen. Eigentlich sollten Windkraftanlagen eine wichtige Einnahmequelle für das Dorf sein. Doch statt knapp 35.000 Euro, die dem Dorf eigentlich zustehen würden, kämen bis 2024 nur knapp 3.000 Euro. Die Kommune muss derzeit jeden Cent ansparen, um nicht in die Haushaltssicherheit zu geraten.
Das zuständige Amt Seelow-Land, das neben Lietzen noch viele weitere Dörfer verwaltet, wurde erst durch unsere Anfrage auf ausbleibende Zahlungen aufmerksam. „Die Zahlungsfrage ist richtig“, sagt Kreisdirektor Lübbe. „Das haben wir jetzt auch gemerkt.“ Drei Viertel der Einnahmen gingen nicht ein. Er möchte mit den Betreibern sprechen.
Bei einem Spaziergang zu den Windkraftanlagen rund um Lietzen äußerten sich einige Anwohner empört. „Wir müssen bekommen, was wir verdienen“, sagt ein Mann. Der Windkraftbetreiber wisse genau, dass die Strukturen vor Ort entweder freiwillig oder überlastet seien, fügt eine Frau hinzu.
Unwillige Betreiber
Testweise haben wir unsere Forschungsergebnisse an vier Netzbetreiber in ganz Brandenburg verschickt. Nach eigenen Angaben zahlt nur einer nach dem Gesetz. Zwei der Betreiber geben zu, nicht gezahlt zu haben – angeblich unabsichtlich. Ein Versäumnis, das die betroffenen Gemeinden 85.000 Euro kostete, die nun zurückgezahlt werden. Auch das vierte Unternehmen zahlte nicht. Der Geschäftsführer gibt schließlich zu, dass er 120.000 Euro an die Gemeinden rund um seinen Windpark bei Lietzen hätte überweisen müssen. Aber er sieht die Verantwortung bei der Verwaltung: Die Gemeinde habe keine Mitteilung verschickt. Sobald eine Mitteilung eintrifft, wird er seine Pflicht nicht verweigern. Außerdem unterstützt er Vereine in der Region.
Expertin Eva Eichenauer von der Wind- und Solaragentur berät Politik und Kommunen. „Geld ist nicht alles, aber es kann Teil der Lösung sein“, sagt sie. Zwar würden Menschen, die sehr stark gegen Wind- und Solarprojekte sind, ihre Meinung auch bei einer finanziellen Beteiligung nicht ändern. „Viele Menschen haben aber überhaupt nicht die richtige Einstellung. Für sie kann Geld einen positiven Einfluss auf ihre Stimmung haben.“
Für sie liegt die Lösung auf der Hand: mehr Transparenz. Da Gemeinden und Behörden in Brandenburg keine eigenständigen Angaben zu ihren Einnahmen machen, wollen wir gemeinsam mit Ihnen dafür sorgen, dass es besser wird. Wir brauchen dringend mehr Transparenz beim Thema Windgeld, um Anlagenbetreiber zu finden, die nicht zahlen. Und die Menschen vor Ort können kontrollieren, wofür das Geld tatsächlich ausgegeben wird.
Helfen Sie mit, Brandenburgs Windgeld zu finden!
Senden Sie jetzt eine Anfrage an Ihre Kommune und erkundigen Sie sich nach den Einnahmen und Ausgaben aus dem Beteiligungsgesetz. Auf diese Informationen haben Sie nach dem IFG bzw. UIG einen Anspruch.
→ Zur Aktion „Windgeldscheck Brandenburg“.
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